Forschung

Die Abteilung Soziales und Gesundheit umfasst die Themenfelder 'Soziales' und 'Gesundheit'. Im Zentrum der Forschungsarbeiten steht das soziale Miteinander. Das gesellschaftliche Zusammenleben wird auf verschiedenen Ebenen analysiert. So beschäftigen sich die Forschenden einerseits mit den Menschen, die soziale oder gesundheitliche Hilfe und Unterstützung benötigen. Andererseits erforschen sie die Leistungen und Teilhabemöglichkeiten im Sozial- und Gesundheitssystem sowie dessen Professionalisierung.

Forschungsverständnis

Die Forschungsaktivitäten der Mitglieder sind vor allem durch fünf zentrale gesellschaftliche Herausforderungen geprägt:

  1. Der Wandel der Erwerbsarbeit (Flexibilisierung, Subjektivierung, Entgrenzung, Verdichtung und Prekarisierung) führt zu sozialen Verwerfungen, denen im Sozial- und Gesundheitsbereich begegnet werden muss.
  2. Der demographische Wandel nimmt durch einen Anstieg der Lebenserwartung und einen Rückgang der Fertilitätsrate zweifach Einfluss auf den Sozial- und Gesundheitsbereich: Zum einen ist damit eine Zunahme an chronischen Erkrankungen und Multimorbidität verbunden, wodurch die Anforderungen an die Gesundheits- und Sozialsysteme steigen. Zum anderen ist ein Rückgang an Fachkräften zu verzeichnen, der auch neue Ausbildungs- und Versorgungskonzepte erfordert.
  3. Migrationsprozesse aufgrund der Flucht vor Kriegen, Vertreibung, Armut und ökologischen Katastrophen stellen die Sozial- und Gesundheitssysteme vor weitere bedeutsame Herausforderungen.
  4. Die Zunahme sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit sowie die systematische Benachteiligung einzelner Gesellschaftsmitglieder und Communities stehen dem Bemühen zur Schaffung einer inklusiven Gesellschaft gegenüber.
  5. Die Digitalisierung führt weiterhin zu gesteigerten Anforderungen an die Gesundheits- und Sozialsysteme sowie an die Fachkräfte. Diese zeigen sich auf ethischer, professioneller und organisationaler Ebene.

Die Mitglieder der Abteilung forschen sowohl anwendungs- als auch grundlagenorientiert. Sie nutzen dabei die Vielfalt der qualitativen und quantitativen Methoden sowie die Integration beider Methoden (Mixed Methods) der empirischen Sozialforschung. Dies gilt sowohl für den Bereich Soziales als auch für den Bereich Gesundheit.


Forschungsschwerpunkte

Die Abteilung hat vier Forschungsschwerpunkte definiert:

Sozial- und Gesundheitspolitikforschung

Neue Paradigmen haben im Zuge der Transformation des Wohlfahrtsstaats Einzug in die Sozial- und Gesundheitspolitik gehalten:

  • Aktivierung zielt vor allem auf die (Re-)Integration von erwerbsfähigen Personen in den Arbeitsmarkt durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen des 'Förderns und Forderns'.
  • Eigenverantwortung und Prävention wird in Fragen der Gesundheitsförderung, der Arbeitsmarktpartizipation oder der Altersvorsorge zum Schlüsselbegriff. Wer nicht eigenverantwortlich handelt, hat die Folgen selbst zu tragen.
  • Autonomie und Selbstbestimmung stärken die Wahl- und Mitbestimmungsrechte von Klient*innen im Bereich der sozialen Dienst- und Versorgungsleistungen.

Gleichzeitig charakterisieren Tendenzen der Ökonomisierung und Privatisierung die Transformation der Sozial- und Gesundheitspolitik. Der soziale Dienstleistungsmarkt wird zunehmend nach Effizienzkriterien strukturiert, soziale Risiken werden nach Managementkriterien organisiert.

Die als Transformation bezeichneten Veränderungen in der Sozial- und Gesundheitspolitik sind Antworten auf übergreifende gesellschaftliche Herausforderungen (Restrukturierung des Arbeitsmarkts, demographischer Wandel, Migrationsbewegungen) und verbinden sich mit neuen sozialen Risiken, die angesichts der genannten Herausforderungen entstehen und bewältigt werden müssen.

Versorgungsforschung

Im Bereich der Versorgungsforschung geht es um die Versorgung von Bürger*innen, insbesondere vulnerablen Personen, mit Dienstleistungen und Produkten aus dem Bereich Gesundheit und Soziales einschließlich Prävention und Gesundheitsförderung. Ausgangspunkt ist in der Regel ein Bedarf an Unterstützung oder sonstiger Hilfe, der je nach Problemstellung sehr unterschiedliche, auch multi- und interprofessionelle Versorgungskonzepte und -strukturen benötigt. Auch bürgernahe Dienstleistungen der insbesondere kommunalen öffentlichen Verwaltung, Aspekte der Gewährleistung der Öffentlichen Sicherheit und Ordnung sowie der speziellen Versorgungsbedarfe der Bevölkerung in Krisensituationen werden im Forschungsschwerpunkt analysiert.

Ziel ist in der Regel, dass die Menschen selbstbestimmt und autonom ihre Lebenswelt im Alltag so lange und so gut wie möglich gestalten können. Hinzu kommt die Mesoebene mit Fragen der Organisation von Versorgung im ambulanten und (teil-)stationären sowie im kommunalen und regionalen Umfeld. Soziotechnische Systeme, wie die von Smart Health sowie deren Einbettung in entsprechende Gesamtkonzepte (Smart City, Smart Region) erhalten zunehmend Eingang in die Versorgung und müssen in ihren Auswirkungen untersucht werden. Darüber hinaus ist auch die Makroebene, somit die Systemebene, ein wesentlicher Blickwinkel, unter dem die Steuerung (z. B. durch die öffentliche Verwaltung) der Versorgung inklusive der Anreizsysteme und Strukturkomponenten betrachtet wird.

Professions- und Professionalisierungsforschung

Professions- und Professionalisierungsforschung ist sowohl in den Gesundheitswissenschaften als auch in der Wissenschaft Sozialer Arbeit ein bedeutsames, durch theoretische und methodologische Fachdebatten geprägtes Forschungsfeld. Ungeachtet der dort geführten Kontroversen verbindet das Forschungsanliegen, die Handlungspraxis in den vielfältigen und zahlreichen Tätigkeitsfeldern des Sozialwesens sowie in den Gesundheitsbereichen zu erforschen und Professionswissen zu erzielen, das in die Studiengänge sowie die Aus- und Fortbildung der Fach- und Leitungskräfte einfließt, um die Praxis zu professionalisieren. Damit ist auch die Erforschung der Akademisierung der Erziehungs- und Gesundheitsberufe Teil des Forschungsschwerpunkts.

Des Weiteren sollen damit auch Sozial- und Gesundheitspolitik adressiert werden, um aus professionstheoretischer Perspektive institutionelle Bedingungen angemessen zu gestalten. Die Handlungspraxis gesundheitlicher und sozialer Dienstleistungen wird bestimmt durch die – teilweise widerspruchsvollen (z. B. zwischen professionellem Selbstverständnis und gesetzlichem Auftrag oder ökonomisch Machbarem) – Wechselverhältnisse zwischen (1) den Kompetenzen und dem professionellen Selbstverständnis der Fachkräfte, (2) den Bedürfnissen und Lebensverhältnissen der Patient*innen oder Klient*innen bzw. Nutzer*innen, (3) den organisationalen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen der Leistungserbringer, (4) den institutionellen Bedingungen, vor allem gesetzlichen Grundlagen und politischen Programmatiken  sowie schließlich (5) den  gesellschaftlichen Herausforderungen wie die Veränderungen von Erwerbsarbeit, der demographische Wandel, die Zunahme sozialer und gesundheitlicher Ungleichheit, die Digitalisierung sowie Migrationsbewegungen.

Ungleichheits-, Teilhabe- und Partizipationsforschung

Soziale Ungleichheit in Bezug auf gesellschaftliche Gruppen oder Communities entlang von Diversitätsmerkmalen wie soziale oder geographische Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, religiöse oder kulturelle Identität, Alter sowie körperliche oder geistige Fähigkeiten finden sich im Rahmen individueller Interaktion wie auf struktureller und institutioneller Ebene. Exkludierende Ideologien und autoritäre Herrschaftspraxen, die sich auf o.g. Diversitätsmerkmale beziehen, haben in zahlreichen Staaten einen relevanten Bedeutungszuwachs erfahren, sodass die Frage nach der Resilienz demokratischer Strukturen und Prozesse ebenso aufgeworfen ist, wie die der Handlungsfähigkeit demokratischer Akteur*innen, denen es um eine Schwächung diskriminierender Strukturen, Praxen und Narrative bei gleichzeitiger Stärkung demokratischer und inkludierender Prozesse sowie Strukturen demokratischer Partizipation und sozialer Teilhabe geht.

Die genannten Strukturen und Praxen sozialer und politischer Diskriminierung haben relevante Folgen auf der individuellen, aber auch auf gesellschaftlicher Ebene. Sie können zu psychischen und körperlichen Schädigungen führen und gesellschaftliche und ökonomische Konflikte und Verwerfungen hervorrufen. Solche Entwicklungen sozialer Ungleichheit und ihre diskriminierenden Potentiale zu verstehen und Modi der Bewältigung zu unterstützen und zu entwickeln, ist für den Schwerpunkt zentral.


Disziplinäre Verortung

Die vier Forschungsschwerpunkte sind inter- und transdisziplinär angelegt und korrespondieren insbesondere mit den Disziplinen der Sozial-, Human- und Gesundheitswissenschaften. Sie greifen komplexe empirische und theoretische Fragestellungen auf, die aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können. Für alle Forschungsschwerpunkte sind Bezüge zu den Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, zur Geschichtswissenschaft, zur Geschlechterforschung und zur Medien- und Kommunikationswissenschaft von Bedeutung.

Zum Themenfeld 'Soziales' gehören im Kern die Disziplinen Soziale Arbeit, Heilpädagogik und Kindheitspädagogik. Diese berücksichtigen vor allem Perspektiven der (Sozial-)Politikwissenschaft, der Soziologie, der Erziehungswissenschaft, der (Sozial-)Medizin, der Sozialethik, des Sozialrechts, der Sozialwirtschaft, der Psychologie sowie als neuere Disziplinen die Disability Studies und Post Colonial Studies.

Im Themenfeld 'Gesundheit' sind die Disziplinen Gesundheitswissenschaften, Pflegewissenschaft, Hebammenwissenschaft, Sportwissenschaften, die Therapiewissenschaften (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Motologie) und Rehabilitationswissenschaft vertreten. Diese berücksichtigen wiederum Perspektiven der Medizin, der Ethik sowie der Technikwissenschaften.


Aktivitäten

Die Abteilung veranstaltet regelmäßig Kolloquien, eine Ringvorlesung und weitere Veranstaltungen wie Methodenworkshops, Fachtagungen oder Podiumsdiskussionen. Veranstaltungen in den Forschungsschwerpunkten ergänzen das Angebot für fachlichen Austausch und Vernetzung (z.B. Brown Bag Lunches, Vernetzungstreffen). Voraussichtlich ab Herbst 2022 wird die Abteilung Soziales und Gesundheit das Promotionsprogramm 'Gestaltung sozialen und gesundheitlichen Wandels' anbieten und plant perspektivisch ein Promotionsprogramm für kooperativ Promovierende.

Philipp Stein, M.A.

Koordination der Abteilung Soziales und Gesundheit

Sie haben Fragen zu der Abteilung oder wünschen weitere Informationen? Bitte sprechen Sie uns an.

Dr. Silke Vagt-Keßler

Koordination der Abteilung Soziales und Gesundheit

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